Ovid, Met. III (Narcissus)

 

"Hat", sagte er, "oh Bäume, etwa jemand grausamer geliebt?

Denn ihr wisst es und seid <doch> vielen ein günstiges Versteck gewesen.

Erinnert ihr euch etwa, weil so viele Jahrhunderte eures Lebens verbracht worden sind,

an jemanden, der so dahinsiechte in langer Ewigkeit?

und es gefällt <mir> und ich schaue, aber was ich sehe, und was <mir> gefällt,

finde ich trotzdem nicht: Den Liebenden hält ein so grosser Irrtum.

Und damit ich um so mehr leide, trennt uns weder ein gewaltiges Meer,

noch ein Weg, noch Berge, noch Mauern mit verschlossenen Toren;

wir werden von einem geringem Wasser abgehalten! Er selbst wünscht, gehalten zu werden:

Denn wie oft wir Küsse zum klaren Quellwasser (poet. pl.) dargereicht haben,

so oft strebt dieser mit zurückgebogenem Mund zu mir.

Du könntest glauben, berührt werden zu können: Es ist ein Geringstes, was den Liebenden im Wege steht.

Wer immer du bist, komme hierher heraus! Was täuschst du mich, einziger Knabe,

oder wohin gehst du weg [Verlangter]--> Begehrter? Sicher ist es weder meine Gestalt, noch mein [Lebens-]Alter,

das du meiden könntest, und auch Nymphen haben mich geliebt.

Mit deinem freundlichen Gesichtsausdruck versprichst du mir Hoffnung, ich weiss nicht, was für eine,

und wenn ich dir die Arme ausgestreckt habe, streckst du <sie> von selbst aus.

Wenn ich gelacht habe, lachst du mir zu; oft habe ich auch deine Tränen bemerkt,

wenn ich geweint habe, du gibst <mir> auch Zeichen zurück [durch Nicken] --> indem du nickst,

und du gibst, so viel ich durch die Bewegung deines schönen Mundes vermute,

Worte zurück, welche nicht zu [unseren] --> meinen Ohren gelangen.

Dieser bin ich: ich habe es gespürt, und mein Bild täuscht mich nicht!

Ich werde [verbrannt] --> verzehrt durch die Liebe zu mir (gen. obj.), und ich bewege und ertrage die Flammen.

Was soll ich tun? Soll ich gebeten werden oder bitten? Was werde ich darauf bitten?

Was ich begehre ist [mit] --> an mir: Die Macht hat mich ohnmächtig gemacht.

Oh, wenn ich mich doch von unserem Körper entfernen könnte!

Ein neuer Wunsch im Liebenden: Ich wollte, es wäre fern, was [wir lieben] --> ich liebe!

Und schon nimmt der Schmerz die Kräfte weg, und es bleibt keine lange Zeit meines Lebens

übrig, und ich werde am Anfang meines Lebens ausgelöscht.

Und der Tod ist mir, der durch den Tod die Schmerzen ablegen wird, nicht schwer:

Dieser, der geliebt wird, ich wollte, er würde länger bestehen.

Nun werden wir als zwei Vereinte in einer Seele sterben."

 

Er sagte es, und der schlecht Gesunde kehrte zur gleichen Gestalt zurück

und trübte das Wasser (poet. pl.) durch Tränen, und durch den bewegten See

ist die Gestalt unklar gemacht worden; weil er gesehen hatte, dass sie verschwand,

rief er: "Wohin fliehst du? Bleibe zurück und verlasse mich, den Liebenden, nicht grausam!

Möge es doch erlaubt sein, anzuschauen, was nicht zu berühren ist,

und der elenden Leidenschaft Nahrung darzureichen!"

Und während er Schmerz verspürte, riss er das Kleid von der obersten Saum auseinander

und schlug mit marmornen Händen auf die nackte Brust (poet. pl.).

Die getroffene Brust (poet. pl.) nahm eine rosenrote Röte an.

Nicht anders, als Äpfel gewöhnlich sind, die teils weissschimmernd,

teils rot sind, oder wie eine noch nicht gereifte Traube, die auf farbigen Beeren sich gewöhnlich

rot färbt. Sobald er das (lat. pl.) sah in der wieder klargewordenen Welle,

er ertrug es nicht länger, sondern wie goldgelber Wachs (poet. pl.) gewöhnlich

im leichten Feuer schmilzt und morgendlicher Reif (poet. pl.),

wenn die Sonne warm ist, so vergeht der durch die Liebe Matte.

Und allmählich wird er durch das geschützte Feuer entkräftet,

und die Farbe ist nicht mehr, nachdem das Weiss mit dem Rot gemischt wurde,

und weder die Frische, noch die Kraft (poet. pl.), noch das (lat. pl.), was als Gesehenes eben noch gefiel,

noch der Körper, den Echo einst geliebt hatte, bleibt nicht zurück.

 

Diese, obwohl sie wütend und erinnernd war, betrübte sich trotzdem, als sie es sah,

und wie oft der beklagenswerte Knabe "wehe!" gesagt hatte,

wiederholte diese mit widerhallender Stimme (poet. pl.) "wehe!".

Und als jener seine Arme mit den Händen geschlagen hatte,

gab auch diese den selben Ton des Schlages zurück.

Dies (lat. pl.) war [die letzte Stimme] --> das letzte Wort des in die gewohnte Welle Schauenden:

"Wehe, vergeblich geliebter Knabe!" Und der Ort schickte ebensoviele Worte zurück,

und nachdem er "lebe wohl" gesagt hatte, sagte auch Echo "lebe wohl".

 

Jener senkte <seinen> müden Kopf ins grünliche Gras;

der Tod schloss die Augen, welche die Gestalt des Herrn bestaunten.

Auch dann erblickte er sich im stygischen Wasser, nachdem er am unterirrdischen Sitz aufgenommen worden war. <Seine> Schwestern, die Flussnymphen, klagten

und weihten dem Bruder die abgeschnittenen Haare.

Die Dryaden klagten: Echo tönt hinzu mit den Klagenden --> Echo tönt den Klagenden hinzu.

Und schon bereiteten sie einen Scheiterhaufen, zerbrochene Fackeln und eine Bahre vor:

Der Körper war nirgends. Anstelle des Körpers finden sie eine safrangelbe Blume

mit weissen Blättern, welche die Mitte umgeben.