Die sagenhafte Frühgeschichte Roms

 

Sogar die bekanntesten Sagenerzählungen der Römer (Romulus & Remus, Aeneas) sind nicht rein römischen Ursprungs. Sie sind entweder von griechischen Mythen beeinflusst oder eine römische Erfindung im Anschluss an griechische Mythen. Seit dem 5 Jh.v.Chr. haben sich die Römer die gesamte griechische Mythologie angeeignet, u. a. indem sie ihre Götter mit denen der Griechen identifizierten. Alle römischen Sagen sind Erfindung römischer Adliger, die sie dann im Volk weitergegeben wurden. Wenn es eine römische Mythologie gegeben hat, ist sie so gut wie gar nicht überliefert worden.

Die meisten Sagen haben einen historischen Kern.

Was die Römer der augusteischen Zeit über die Entstehung Roms wussten, stammte aus sagenhafter und historischer Überlieferung, die erst Jahrhunderte später aufgeschrieben wurde. Rom wurde 753 v.Chr. gegründet.

Dem König von Alba Longa war geweissagt worden, dass ein Sohn seiner Nichte Rhea Silvia ihn entmachten werde. Sie gebar trotz seinen Bemühungen Zwillinge. Er setzte die auf dem Tiber aus. Doch sie wurden von einem Wolf gefunden und dann von einem Hirten aufgezogen. Als Männer entthronten sie ihren Grossonkel und beschlossen, am Ort ihrer Kindheit eine Stadt zu gründen (Rom). Romulus wurde vom Orakel begünstigt und Remus machte sich vor Neid über seine Stadtmauern lustig, indem er darüber sprang. Da wurde er von Romulus erschlagen. Er sprach zu den Bürgern: "So soll jede Feind getötet werden, der die Mauern meiner Stadt überwindet".

Die Sage enthält Hinweise, die mit anderen Quellen übereinstimmen, nämlich dass die frühen Römer Hirten waren. Das frühe Rom war ein Zusammenschluss von Hirten. Den Wolf zu verehren, ist für ein Hirtenvolk naheliegend.

Wir erfahren aus der Gründungssage weiter, dass Latium im 8. Jh. waldreich gewesen sein muss.

Die Lage der neugegründeten Stadt war nicht so zufällig: In der Ebene zwischen Palatin und Aventin verlief eine sehr alt Strasse, die beim ältesten Forum Roms (Forum Boarium) den Tiber überquerte (Pons Sublicius); in südliche Richtung führte sie, die spätere Via Appia, nach Kampanien, wo es im 8. Jh. bereits griechische Kolonien gab (Ischia, Kyme). Bedeutend war der Platz auch wegen der Salinen an der Tibermündung, von wo das begehrte Salz nach Rom und über die Via Salaria ("Salzstrasse") weiter nach Etrurien transportiert wurde.

Die Sabiner haben auf dem Esquilin gewohnt; nachdem der Konflikt zwischen ihnen und Römern vorbei war, vereinigten sich die beiden Stämme. Nun mit zwei Herrschern an der Spitze (Romulus und Titus Tatius). Die Doppelherrschaft in der Sage zeigt, dass den Römern späterer Zeit daran gelegen war, die wichtigste Einrichtung der Republik, die Amtsteilung, zeitlich möglichst nah an die Stadtgründung zu rücken, denn für den Römer bestimmte vor allem das Alter den Wert einer Sache.

Die Etrusker, nördlich von Rom in Etrurien siedelnd, trieben Handel mit Griechen von Kampanien und Unteritalien. Sie wollten Rom. Deshalb stand Rom etwa 1½ Jahrhunderte, bis 509 v.Chr. unter etruskischer Herrschaft. Die ersten vier Könige waren römisch, die drei nächsten etruskisch. Die Erfahrungen aus der Zeit der etruskischen Königsherrschaft begründeten das tiefe Misstrauen vor jeder Alleinherrschaft. Um sie zu verhindern, wurde nach dem Sturz des letzten Königs in der Republik das Prinzip der Kollegialität und Annuität eingeführt (jedes Amt von zwei Personen ausgeführt).

Unter der Führung der Etrusker erfuhr Rom einen grossen Aufschwung. Unter ihrer Führung wurde ein Stadtstaat mit einem König, einem Aristokratischen Rat und einer Volksversammlung eingerichtet. Der König residierte auf dem Kapitol.

Der Handel mit griechischen Städten ist belegt. Im 7. und 6. Jh. wuchs die Stadtbevölkerung rasch an. Der erste Tempel wurde auf dem Kapitol errichtet, das Tibertal entwässert und die Servianische Mauer errichtet. Von den Etrusker übernahmen die Römer die Verehrung der Götter Jupiter, Juno und Minerva, die Wahrsagekunst aus Vogelflugbeobachtungen und Eingeweideschau und sogar die republikanischen Herrschaftsabzeichen, die Rutenbündel der die Konsuln begleitenden Liktoren.

Rom war am Ende des 6. Jh. nicht so glanzvoll: Eher eine bescheidene Kleinstadt mit einigen tausend Einwohnern (max. 40’000).

Am Ende des 6. Jh. erhoben sich römisch Patrizier (??ohne Grund??) den etruskischen Herrscher. Die Erhebung war auch im Interesse der Plebs und fand deren Unterstützung.

Die Geschichte von Brutus, dem 1. Konsul, gehört ins Reich der Sagen aus folgenden Gründen:

1. Der Sage nach war Brutus etruskischer Herkunft; die revoltierende Gruppe aber kam aus dem römischen Adel.

2. Brutus war ein Beiname eines plebejisches Geschlechtes. Der 1. Konsul konnte aber unmöglich ein Plebejer sein, da sie in der Frühzeit, vor den Ständekämpfen von der Herrschaft ausgeschlossen waren.

Nachdem die Etrusker vertrieben waren, entstanden bald grosse Spannungen zwischen Adel (Patrizier) und Volk (Plebejer) vor allem wegen einer gerechteren Verteilung des Bodens. Das Volk verlangte mehr Acker.

Neben den inneren Auseinandersetzungen ist das 5. Jh. von Kämpfen mit den Nachbarstädten geprägt, die nacheinander von Rom besiegt wurden. Die Eroberung der Nachbarstädte entschärfte die Landfrage vorläufig, weil damit genügend (erobertes) Land zur Verteilung an die Plebejer vorhanden war.